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Montag, 10. Dezember 2018

Eine Journalistenkarriere im "Neuen Deutschland"

von Andreas Benl, STOP THE BOMB Koalition, 14.9.2012

Am 5. September veröffentlichte das „Neue Deutschland“ einen Bericht über psychischen und physischen Terror gegen Iraner in Deutschland. Hat die „Sozialistische Tageszeitung“ ihre Linie in der Berichterstattung über das iranische Regime geändert? Weit gefehlt, denn bei dem Artikel "Deine Mutter baut Atombomben. Stop the Bomb warnt vor Kriegsplänen Irans und verbreitet dabei selbst Kriegspropaganda" vom 5.9.2012 handelt sich einmal mehr um eine Projektion des Regimeterrors auf seine Gegner. Allerdings war von Fabian Köhler, dem Autor des Textes, nichts anderes zu erwarten, denn Köhler agiert seit Jahren als „interkultureller“ Moderator für antizionistische, islamistische und neonazistische Propaganda.

Doch kommen wir zunächst zu den zentralen Aussagen des Artikels: Köhler weiß natürlich, dass die Unterstellung, "Stop the Bomb"-Mitglieder bedrängten die Tochter einer "deutsch-iranische[n] Geschäftsfrau" eine justitiable Lüge wäre. Deshalb legt er solche Andeutungen einer anonymen Person "S." in den Mund.

Als weiteres vermeintlich unschuldiges Opfer von "Stop the Bomb" wird Kourosh Pourkian präsentiert, über den Köhler schreibt, er unterstütze eine deutsch-iranische "Begegnungsstätte". Das klingt harmlos – das geplante "Iranhaus" sollte jedoch durch die rechte Hand Ahmadinejads, Rahim Mashai finanziert werden, was Köhler nicht erwähnt.[1]  Angesichts der terroristischen Geschichte von iranischen Regimeinstitutionen in Europa wäre ein solcher Ort eine direkte Bedrohung für in Deutschland lebende Exiliraner. [2]

Auch das von Köhler erwähnte Treffen Pourkians "mit anderen Unternehmern in einem Hamburger Tagungshotel" klingt unverfänglich. Köhler verschweigt jedoch den Anlass der Proteste von STOP THE BOMB gegen diese Veranstaltung – die Teilnahme und den Vortrag von Alireza Beyghi, Gouverneur der Region Aserbaidschan Ost. In dieser Region wurde Sakineh Ashtiani zum Tode durch Steinigung verurteilt. Zum Zeitpunkt der Tagung wurden außerdem zwei deutsche Journalisten wegen ihrer Berichterstattung über den Fall als Staatsgeiseln gefangen gehalten. Beyghi war dafür mitverantwortlich. [3]

Aber nun zum Autor des Artikels, zu Fabian Köhler. Im Januar 2010 referierten Fathiyeh Naghibzadeh und ich auf Einladung einer studentischen Initiative an der Universität Jena über Rassismus, Antisemitismus und Kulturrelativismus. Anlass war eine Kontroverse über Köhlers Aktivitäten in der Zeitschrift "unique", dem "interkulturellen Studentenmagazin für Jena, Weimar & Erfurt", die sich vor allem um zwei Interviews Köhlers drehte.

Eines dieser Interviews führte Köhler mit dem Neonazi Nico Schneider aus dem NSU-Umfeld. [4] Das Interview ist de facto eine Unterstützung bei der Verbreitung von Neonazi-Propaganda. Mit viel Empathie stellt Köhler dem Neonazi seine Fragen, und dieser erhält viel Raum, um seine Sicht darzustellen. Es gibt keine Konfrontation. Köhler erwähnt positiv Schneiders Einsatz für die Menschen in Jena, spricht von einer verzerrten Medien-Darstellung über Neonazis, fragt einfühlsam danach, ob Schneider wegen der gesellschaftlichen Isolation nicht „emotional am Ende“ sei. Er überlegt gemeinsam mit Schneider, was die Nazis tun müssten, um in der Öffentlichkeit besser anzukommen. Raum erhält Schneider auch, um zu erklären, dass Nationalismus überall außer in Israel gut sei, eine Antwort, die Köhler schon in der Frage vorwegnimmt. („Ist es dasselbe, wenn sich Israel oder wenn sich Polen für national befreit erklärt?“)

Das zweite Interview führte Köhler mit dem Hamas-Propagandisten Khalid Amayreh. Amayreh rechtfertigt dort Selbstmordanschläge und faselt unwidersprochen von einer „zionistisch-jüdischen Umklammerung der deutschen Politik“ und einer „nazihafte(n) Blockade, welche Israel über Gaza verhängt hat“. Den Nazi-Vergleich rechtfertigt Köhler in einem Kommentar unter dem Interview ganz explizit: „Keine Frage: Nazivergleiche relativieren Opferleid. Doch die Positionen des Gegenübers mittels bloßen Verweises auf seine Rhetorik zu delegitimieren, tut dies oft ebenso.“

Köhler ist allerdings nicht auf die Hamas angewiesen, um für Verständnis für suicide bomber zu werben. Er kann dies auch alleine, wie sein dichterisches „Werk“ zeigt, in dem sich folgende Zeilen finden:

„die Salve die das Kind zermäht
der Stolz der nun zu Grunde geht
die Wut die ihm im Halse steht
will Hoffnung die nicht mehr verweht
will Zukunft die nicht untergeht
will Leben wie der Sinn ihm steht
bis er im Bus die Leine zieht“ [5]

Köhlers Begriff von "Interkulturalität" ist somit nichts anderes als eine Legitimation zur Kungelei mit Antisemiten aller Couleur. In der Rechtfertigung seines Nazi-Interviews hat er dies auf den Punkt gebracht: „Wir wollten keine vorherrschenden Stereotype bestätigen. Wir wollten einfach zuhören, was er zu sagen hat - inklusive aller Propaganda. Das entspricht auch unserem interkulturellem Verständnis von Journalismus.“ [6]

Ein besonderes Anliegen ist Köhler die „interkulturelle“ Einheit unterschiedlichster islamistischer Strömungen gegen Israel und den Westen. In der Zeitschrift „Zenith“ schreibt er abwechselnd Apologien der Hamas [7] und der Terroraktionen des iranischen Regimes. [8] Und auf dem regimenahen Webportal „Irananders“ bedauert er die aktuelle Spaltung des schiitischen und sunnitischen Lagers im Nahen Osten und vor allem in Syrien, die in Köhlers Wunschdenken wohl einem Missverständnis entspringt: „Iran fordert für Syrien freie Wahlen, keine ausländische Einmischung und politische Reformen. Was in westlichen Medien als verklausulierte Zustimmung zum despotischen Status Quo abgetan wird, ist in Wahrheit nicht weit entfernt von den Forderungen syrischer Oppositioneller.“ [9]

Sein Verständnis von journalistischer PR-Arbeit für islamistische Gruppierungen erklärte Köhler 2008 im Hisbollah-nahen Internetportal Muslim-Markt. Weil man im Westen von „Terrorismus“ von Palästinensern spreche, wo Köhler nur „Selbstverteidigung“ sieht, müsse man die Medienarbeit anpassen: „Die Geschichte vom enteigneten Bauer kann zwar sehr rührend sein, doch lässt sich die Mauer mit Verweis auf die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofes eben viel besser delegitimieren. Und eine Widerstandsaktion kommt natürlich in der westlichen Presse sehr viel besser an, wenn sie durch jemanden verkauft wird, der fließend Englisch spricht, anstatt durch ein paar Vermummte mit Kalaschnikow.“ [10]

Ob das "Neue Deutschland" Köhlers Wirken als innovative Ergänzung des Themenspektrums einer „Sozialistischen Tageszeitung“ sieht, ist seine Sache. Über die Aktivitäten von "Stop the Bomb" besagt der Artikel "Deine Mutter baut Atombomben" lediglich, dass sie den "interkulturellen" Gönnern des iranischen Regimes großes Kopfzerbrechen bereiten.

Andreas Benl

 


[2] Vgl. etwa "Zeuge C: Genf, Stadt der Schatten" http://www.youtube.com/watch?v=0RxalDqhZpY