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Dienstag, 28. März 2017

Offener Brief an die Universität Potsdam

10. Oktober 2013

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Hafner,
sehr geehrter Herr Dr. Haußig,

wir schreiben Ihnen in Reaktion auf den Artikel in den Potsdamer Neuesten Nachrichten  vom 11.9.2013 bezüglich der Reise von Wissenschaftlern der Potsdamer Universität und der Goethe Universität Frankfurt am Main vom 15. bis 30. September nach Qom im Iran und unseres Protests dagegen.

Herr Hafner fragt in dem Artikel der PNN an uns gerichtet, ob “überhaupt schon einmal einer der Kritiker mit einem iranischen Wissenschaftler der Universität Qom gesprochen oder sich deren Texte angeschaut” habe. Der Soziologe Wahied Wahdat-Hagh hat die antisemitischen und antiwestlichen Inhalte der Lehren führender Funktionäre der URD bereits 2012 in mehreren Artikeln ausführlich dargelegt.

Mehr als die Schriften dieser Personen interessieren uns jedoch ihre Worte und Taten. Laut Wahdat-Hagh und unserem Referenten Kazem Moussavi ist die Dachorganisation der URD das von Ali Khamenei 1995 aus fünf zuvor separaten islamistischen Organisationen aufgebaute “Zentrum für Annäherung von Religionen”, das dem Büro Khameneis unterstellt ist und von Ayatollah Mohsen Araki geleitet wird. Araki war zuvor Khameneis Vertreter in London und traf sich erst vor kurzem mit dem Chef der libanesischen Terrororganisation Hisbollah.

Das “Zentrum für Annäherung von Religionen” ist in den letzten Jahren als aktuell größtes und am besten organisiertes Zentrum für die Verbreitung des Fundamentalismus und Antisemitismus des Regimes bekannt geworden. Arakis Amtsvorgänger Ayatollah Tashkiri preist Jihad und Märtyrertod als “Bereicherung unserer Kultur” und brachte die Funktion des Kulturdialogs als Propagandainstrument zur Verbreitung von Antisemitismus auf den Punkt, als er auf der Konferenz “Russland und die Welt des Islam – Kooperation für weitere Stabilität” den Iran als Zentrum der anti-israelischen Bewegung pries.

Wir schließen uns vor diesem Hintergrund der Beurteilung von Kazem Mousavi und Fathiyeh Naghibzadeh an, dass die Zusammenarbeit mit der islamistischen Kaderschmiede URD nicht nur dem Prestigegewinn des iranischen Regimes dient, sondern darüber hinaus auch ein Sicherheitsrisiko darstellt, vor allem, aber nicht nur für die in Deutschland lebenden Exiliraner und jüdischen Menschen.

Auf die Funktion und den ideologischen Charakter der URD ist schon häufig hingewiesen worden, ohne dass die Kooperationspartner der Universität Potsdam daraus Konsequenzen gezogen hätten. Für einen Workshop in Qom mit den Gästen aus Deutschland sind die Themen “Verehrung der und Gedenken an die Toten” und “Grabrituale” annonciert (“On Holy Places. The Veneration and the Commemoration of the Dead, Tomb Rituals in Imamat Theology and in Comparative Perspective“ (PDF). Bei den Stichworten “Tod” und “Rituale” fallen uns bezüglich der Islamischen Republik vor allem die diversen religiös begründeten Tötungs- und Folterrituale des Regimes ein:

  • Die “Kunst des Märtyrertods”, die ein Regime betrieb, das im Krieg mit dem Irak 1980-1988 Tausende von Kindern, behangen mit Plastikschlüsseln für den vermeintlichen Eintritt ins Paradies auf die Minenfelder in den sicheren Tod schickte.
  • Die Zwangsverheiratung und Vergewaltigung von oppositionellen Mädchen und Frauen vor ihrer Hinrichtung. Ihren Peinigern war die Vorstellung unerträglich, dass als Jungfrauen gestorbene weibliche Häftlinge nach islamischem Glauben automatisch ins Paradies kommen.
  • Das “Grab”. Unsere Referentin Fathiyeh Naghibzadeh beschreibt diese Foltermethode in einem Artikel folgendermaßen: “Die Gefangene musste mit verbundenen Augen in einem sargähnlichen Behältnis entweder im Liegen oder im Sitzen ohne jegliche Bewegung tage-, wochen- oder monatelang ausharren, während im Hintergrund Koranverse rezitiert wurden. Die Gefangene war immer von dem Folterer überwacht, und sie wurde bei jeder möglichen Bewegung schikaniert und zusätzlich gefoltert. Die Gefangenen nennen diese Foltermethode »Das jüngste Gericht«, »Sarg« oder »Das Grab«. Sie symbolisiert die totale Kontrolle der Religion über die Lebenden und vor allem über den weiblichen Körper, noch mehr aber über die Seele.” 
  • Die Verfolgung und Ermordung von Angehörigen anderer Religionen als die staatsoffizielle schiitische, vor allem der Vogelfreienstatus der Baha’i. Erst diesen Sommer gab Khamenei ein religiöses Edikt heraus, das jeglichen sozialen Kontakt mit den Angehörigen dieser Religion verbietet. Kurz darauf wurde der Baha’i-Führer Ataollah Rezvani entführt und ermordet.

Herr Hafner deutet in dem oben zitierten Artikel aus den Potsdamer Neuesten Nachrichten an, er wäre bereit zu einer öffentlichen Diskussion über die Kooperation Potsdam-Qom. Sollte dies ernst gemeint sein, werden wir zu einer solchen Diskussion zum baldmöglichsten Zeitpunkt einladen, weitere Details folgen. In jedem Fall bitten wir Sie jedoch dringend um die Beantwortung der folgenden Fragen.

  1. Wie verlief das Seminar über Todesrituale? Wurde dabei über die religiös begründeten Tötungs- und Foltermethoden und über den Märtyrerkult des iranischen Regimes gesprochen?
  2. Stimmt es, dass Mohsen Araki, der Gesprächspartner des Hisbollah-Chefs Nasrallah, auf iranischer Seite zuständig für den Austausch Potsdam-Qom ist? Falls nein, wer dann?
  3. Mit welchen weiteren Personen und Organisationen in Qom steht die Potsdamer Universität konkret in Verbindung?
  4. Welche gemeinsamen Projekte wurden bereits durchgeführt und welche laufen aktuell? Gibt es davon bereits Berichte und Publikationen in der Universität Potsdam?

Mit freundlichen Grüßen,

Bündnis gegen Antisemitismus Potsdam, STOP THE BOMB

 

 

Universitäten Potsdam und Frankfurt kooperieren mit islamistischer Kaderschmiede im Iran

Das Bündnis STOP THE BOMB fordert die Einstellung der Kooperation der Universität Potsdam mit der iranischen Hochschule für Religionen und Denominationen (URD) in Qom

Pressemitteilung, 4.9.2013

Seit Anfang des Jahres 2011 besteht eine Kooperation des Instituts für Religionswissenschaften an der Universität Potsdam mit der URD. Auch vom 15. – 30. September werden eine Delegation der Potsdamer Universität  und der Goethe-Universität Frankfurt in den Iran reisen.

Die Universität Potsdam rechtfertigt die Kooperation mit dem Hinweis auf die Bedeutung des interreligiösen Dialogs und des wissenschaftlichen Austauschs. Dabei wird jedoch nicht beachtet, dass die URD der totalitären und antisemitischen iranischen Staatsideologie anhängt und sie perpetuiert. Der iranische Religionswissenschaftler Seyed Mostafa Azmayesh schreibt: „Das Ziel der URD-Universität in Qom ist die Förderung von ins Ausland expedierten Lobbyisten, die das Potential und die Fähigkeit haben, westliche Intellektuelle zu überzeugen, dass der Iran die Wahrheit ausspricht und die Meinung der anderen falsch ist.“ [1] Die Absicht ist es also, die religiöse und politische Propaganda der Machthaber in Teheran zu verbreiten.

STOP THE BOMB-Sprecher Michael Spaney erklärt: “Während das iranische Regime unter dem Deckmantel des interreligiösen Dialogs islamistische Hardliner schult, welche Propagandatechniken im Westen anzuwenden sind, werden Vertreter religiöser Minderheiten im Iran weiter inhaftiert, gefoltert und ermordet. Ein Religionsdialog mit der islamistischen Elite des Regimes, das aktiv religiöse Minderheiten verfolgt, ist eine Verhöhnung seiner Opfer."

Erst in der vergangenen Woche wurde Ataollah Rezwani, ein  Anhänger der im Iran verfolgten Bahá'í, ermordet. [2] Schon seit 34 Jahren versuchen sich deutsche Institutionen am “kritischen Dialog” mit dem Iran. Dies führte bislang zu keiner Lockerung der Positionen des islamistischen Regimes. Im Gegenteil, das Atomwaffenprogramm wird vorangetrieben und auch nach der Wahl  des vermeintlichen Reformers Rouhani zum Präsidenten im Juni 2013 stieg die Anzahl der durchgeführten Hinrichtungen im Iran. [3]

Unterstützt wird die Kooperation durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der im vergangenen Jahr eine Absichtserklärung unterzeichnete, die akademischen Beziehungen in den Iran auszubauen. [4] Unbeachtet blieb, dass der damalige iranische Minister für Wissenschaft, Forschung und Technik, Kamran Daneshjoo,  auf der EU-Sanktionsliste wegen mutmaßlicher Verstrickungen im iranischen Atom- und Raketenprogramm stand. [5]

STOP THE BOMB verurteilt die Kooperation Potsdam-Qom gerade in Zeiten internationaler Sanktions- und Isolierungsbemühungen, da sie dem totalitären iranischen Regime Legitimität verschafft und dem Regime zu Propagandazwecken dient und fordert deshalb den  Abbruch  der Kooperation mit der Hochschule für Religionen und Denomination in Qom.

Weitere Informationen erhalten Sie am Donnerstag, den 5. September in Potsdam auf einer Veranstaltung des Bündnis gegen Antisemitismus Potsdam.  http://de.stopthebomb.net/de/veranstaltungen/dialog.html

[1] Vgl. jungle-world.com/von-tunis-nach-teheran/1832/. Vgl. dazu auch einen Bericht in der Jerusalem Post: “But what is overlooked is that the URD follows the totalitarian and anti-Semitic state doctrine. How can one work with an institute that spreads hate propaganda against the Bahai religion and the State of Israel, as well as defends the forced veiling of women.” www.jpost.com/International/Outrage-over-anti-Semitic-German-Iranian-program

[2] Vgl. http://www.bahai.de/artikel/datum/2013/08/27/iranischer-bahai-ermordet.html

[3] Vgl. http://online.wsj.com/article/SB10001424127887323681904578640491141654014.html; Laut offiziellen Angaben des iranischen Regimes sind in der Zeit vom 14.-26. August mindestens 35 Personen hingerichtet worden. (http://iranhr.net/spip.php?article2860)

[4] Vgl. https://www.daad.de/portrait/presse/pressemitteilungen/2012/21609.de.html;  http://www.commentarymagazine.com/2012/10/10/germanys-double-dealing-on-iran/

[5] Vgl. http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/LexUriServ.do?uri=OJ:L:2012:088:0001:0112:EN:PDF. Des  Weiteren tritt Kamran Daneshjoo für die Entlassung von nicht regimetreuen Dozenten und die Geschlechtertrennung an Universitäten ein. (http://www.iranhumanrights.org/2010/03/daneshjoo_iran/)

 

 

34 Jahre "kritischer Dialog": Zur kulturellen Kooperation mit dem iranischen Regime


Eine Veranstaltung des Bündnis gegen Antisemitismus Potsdam mit

Fathiyeh Naghibzadeh, Gründungsmitglied des Mideast Freedom Forum Berlin und Co-Regisseurin des Films "Kopftuch als System – Machen Haare verrückt?"
Dr. Kazem Moussavi, Sprecher der oppositionellen “Green Party of Iran” in Deutschland

 

Wann: Donnerstag, 5.9.2013, 19.00 Uhr
Wo: Universität Potsdam - Haus 6 am Griebnitzsee, Raum S28

Zum wiederholten Male wird diesen September eine Reise des Instituts für Religionswissenschaften der Universität Potsdam in den Iran stattfinden. Ziel der Potsdamer Delegation ist die "Kaderschmiede der iranischen Diktatur" [Wahdat-Hagh], die Hochschule für Religionen und Denominationen in Qom (URD), mit der seit 2011 eine Kooperation besteht. Die Studienfahrt wird abermals mit der Bedeutung des wissenschaftlichen Austausches gerechtfertigt, sekundiert durch die widersinnige Behauptung, dass insbesondere der „kritische Dialog“ zu einer Lösung des Konflikts um das iranische Nuklearprogramm beitragen könne. Dass ein ausgewogener wissenschaftlicher Austausch mit der URD unter den bestehenden politischen Verhältnissen des Irans nicht möglich ist, wird hingegen ignoriert.

Der "kritische Dialog" hat bislang zu keiner Lockerung der Positionen des islamistischen Regimes geführt. Im Gegenteil, nach Einschätzung führender Militärexperten, wird das iranische Regime Mitte 2014 in der Lage sein, Atomwaffen zu produzieren. Auch wird es unter dem vermeintlich gemäßigten Präsidenten Rohani keine Änderungen an den Konstanten der Islamischen Republik des Irans geben. Die Zentrifugen drehen sich weiterhin auf Hochdruck und seit Mitte Juni sind mindestens 71 Personen exekutiert worden. Dennoch hält die Potsdamer Universität an der Kooperation mit einem Bestandteil des Regimes fest, das seine eigene Bevölkerung brutal unterdrückt, weltweit Terrorismus protegiert, den Holocaust leugnet und Israel mit der Vernichtung droht.

Die Potsdamer Universität steht mit dieser Positionierung allerdings nicht alleine da. Mehrere deutsche Hochschulen unterhalten Kooperationen zu iranischen Bildungseinrichtungen. Dies trotz internationaler Sanktions- und Isolierungsbemühungen, von denen das iranische Regime wiederum profitiert, da ihm dadurch ein Anschein von Legitimität gegeben wird.

Deshalb werden wir am 05.09 mit Dr. Kazem Moussavi, Sprecher der oppositionellen “Green Party of Iran” in Deutschland, und Fathiyeh Naghibzadeh, Gründungsmitglied des Mideast Freedom Forum Berlin und Co-Regisseurin des Films "Kopftuch als System – Machen Haare verrückt?" die Entwicklung der kulturellen Kooperation mit dem iranischen Regime und ihre Bedeutung für die Existenz der Islamischen Republik Iran diskutieren.

Einladung auf Facebook

Presse und Info

Potsdamer Neueste Nachrichten: "Unpolitische Religionswissenschaft?" (30.10.2013)

Potsdamer Neueste Nachrichten: "Das Land dürstet nach Austausch" (16.10.2013)

Potsdamer Neueste Nachrichten: Kritischer Dialog (11.9.2013)

Potsdamer Neueste Nachrichten: Eine umstrittene Reise (6.9.2013)

Wahied Wahdat-Hagh: Vogelfrei im Iran (9.3.2013)

Weekly Standard Blog: Iran's Think Tank Outreach (26.9.2012)

Jerusalem Post: Outrage over "anti-Semitic" German-Iranian program (8.9.2012)

Märkische Allgemeine: Kontakte zu iranischem Institut in der Kritik / Antisemitismus-Vorwurf steht im Raum / Dekan wehrt sich

Potsdamer Neueste Nachrichten: Neue Kritik an Iran-Projekt der Universität Soziologe Wahdat-Hagh hält an Vorwürfen fest (25.8.2012) 

Wahied Wahdat-Hagh: "Kaderschmiede der Diktatur" (24.8.2012)

Potsdamer Neueste Nachrichten: Auf dem Prüfstand. Das Institut für Religionswissenschaften der Uni Potsdam will seinen kritisierten iranischen Kooperationspartner überprüfen lassen. (22.8.2012) 

Wahied Wahdat-Hagh: Vergiftete Kultur: Was der iranische Partner einer deutschen Universität lehrt (3) (8.8.2012) 

Wahied Wahdat-Hagh: Dialog mit Inquisitoren: Die akademische Zusammenarbeit mit einer islamistischen Kaderschule (2)

Wahied Wahdat-Hagh: Liberaler Import aus dem Iran für Potsdam (2.8.2013)